Deutsche Filmproduktion bis 1945

Filmverleih bis 1945

Als der Neuaufbau begann

Festspielfilme in Bildern

Filmpreis der Bundes- republik verliehen

Europa-Filmverleih GmbH gegründet

Filme im Spiegel der Kritik

Baden-Baden, 2. Juni 1981 ı Nr. 22

TSPIELE

Internationale Filmfestspiele Berlin

Es war nach dem Venedig-Festival des Vor- jahres, als ein paar Berliner Filmjournalisten soeben von dort zurückgekehrt, die Jdee äu- ßerten, man solle einmal Berlin zur Festspiel- stadt des Films machen. Jenes Berlin, das jetzt seit Jahren das politische Schaufenster der gan- zen Welt ist. Warum sollte es nicht einmal das filmische -Schaufenster der westlichen Welt werden? Der Gedanke war gut, zumal er von vornherein von dem Grundsatz ausging, es nicht Carnes, nicht Locarno, nicht Venedig gleichzu- tun, nicht Konkurrenz zu sein, sondern anderes, neues vielleicht auch besseres zu bielen. Nicht allein die Fachwelt soll in Berlin bestimmend sein, sondern weitgehend auch das Publikum beteiligt werden. Dieses Berliner Publikum ist wahrscheinlich das filmisch prädestinierteste, das man-sich denken kann. Seit dem Zusammen- bruch hat es Gelegenheit gehabt, die schlech- testen und die besten Filme aus zahlreichen Ländern der Welt zu sehen und eshat auh soweit es interessiert war’ die des sowjelti- schen Osters nicht auszulassen brauchen. Seit 1945 gibt es immerwährende Filmfestspiele in Berlin, ohne daß man es gemerkt hat. Jetzt werden sie durch eine offizielle Veransialtung ihre Krönung eriahren und erstmals weit über den engen Inselraum hinausgreifen.

*

Offizieller Veranstalter dieser Filmfestspiele ist der westberliner Senat, der von der gesam- ten deutschen Filmwirtschaft unterstützt wird. Auch die drei alliierten Filmoiliziere haben sich mit ihren zuständigen. Stellen uneingeschränkt in den Dierst der Sache gestellt, Damit allein war es freilich nicht getan. Als man die ersten Einladungen an 33 Nationen hinausgehen ließ, waltete kein Zweifel, daß es einige Schwierig- keiten geben würde. Sie wurden weitgehend überwunden. Erfolg und Eindruck der bevor- stehenden Festspiele werden darüber zu ent- scheiden haben, ob die Berliner Filmfestspiele zu einer ständigen Einrichtung werden.

Berlin grüßt mit den neuen Filmen der Weltproduktion die zahlreichen bekannten alten und die unbekannten neuen Stars, die die Zu- sage gegeben haben, während der cereignis- reichen Tagen in den Mauern Berlins zu Gast zu sein. Sofern sie rechtzeitig oder vorzeitig ein- treffen, werden sie auch noch Gelegenheit haben, ein anderes Festival zu besuchen. das in diesen Tagen gerade ausklingt. Es ist kein Zu- fall, daß der Osten seine „demokratischen Film- festspiele“ von einem vorgesehenen früheren Zeitpunkt in diese Tage verlegt hat. Aber die Filme der osteuropäischen Staaten werden auch dies ist in den Jahren nach dem Krieg

Das Atelier 4 wurde durch Bombenangriff in ein Gewirr von Eisenstangen, Balken ynd Foto: Studio Tempelhof

Mauerresten verwandelt; so bot es sich im Mai 1945 dar.

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Zum Geleit

Der Regierende Bürgermeister

Berlin war früher das Zentrum der deutschen Filmproduktion. Hier sind die meisten der großen deutschen Filme entstanden und haben dem deutschen Film Seine geachtete Stellung in der Welt er- obert. Die Katastrope des Dritten Reiches, die 1933 begann und 1945 mit der Vernichtung so vieler Werte endete, hat neben vielen an- deren auch diese zerstört. Berlins Stellung in der deutschen Filmproduktion ist verloren ‘ge- gangen, aber das Interesse des Berliner Publi- kums für den Film ist geblieben. Die große Zahl der Uraufführungstheater, die in Berlin nach 1945 wieder entstanden sind, beweist, daß die Berliner Bevölkerung für den Film aufge- schlössen und bereit ist wie ehedem. Deshalb begrüße ich die Internationalen Filmfestspiele Berlin vom 6. bis 17. Juni, die ein erneuter

Anlaß sind, die Filmfreudigkeit Berlins dar--

zutun. Viele der neuesten Filmwerke werden in dieser Zeit hier Zeugnis ablegen von den Fortschritten der Filmkunst, die international und aus dem Kulturleben unserer Zeit nicht wegzudenken ist,

Ich wünsche daher einen vollen Erfolg für die Internationalen Filmfestspiele Berlin im Juni 1951 in der Hoffnung, daß sie ein Schrittsein werden auf dem Wege zur Wiederherstellung Berlins in seiner Bedeutung als ein deut- sches Filmzentrum.

Reuter

Der Senator für Volksbildung

Zu den „Internationalen Filmfestspielen Ber- lin 1951“ sind so viele Meldungen aus nahezu allen filmproduzierenden Ländern der demo- kratischen Welt eingelaufen, daß schon damit der Plan zu dieser Veranstaltung gerechtfertigt erscheint.

Von den traditionellen Film-,„Festivals“, wie sie sich in Venedig und Cannes entwickelt haben, werden die Berliner Filmfestspiele sich nicht nur in ihrem äußeren Ablauf unterschei- den. Ihre Eigenart ergibt sich aus der kulturellen Doppelaufgabe, die ihnen gestellt ist. Sie sollen dem deutschen Publikum Fachleuten und Nichtfachleuten und den ausländischen Gästen zu einer schönen Reihe seltener film- künstlerischer Erlebnisse verhelfen. Sie sollen aber auch am Beispiel des jüngsten und zu- gleich machtvollsten künstlerischen Ausdrucks- mittels zeigen, zu welch fruchtbarer Vielfaltder Richtungen, Anschau- ungen und stilbildenden Kräfte sich das künstlerische Leben dort zuentwickeln vermag, woesnicht dem Zwang totalitärer Machtan- sprüche untersteht. Die Berliner Be- völkerung, vor allem die Bevölkerung des Ost- Sektors, wird für solch mahnende Botschaft be- sonders empfänglich sein.

Prof. Dr. Tiburtius

und heute Heute sind die schwer angeschlagenen Hallen 3 und 4 wieder erstanden. Zuletzt wurde hier der zweite Berolina-Farbfilm „Johannes und die 13 Schönheitsköniginnen“ gedreht.

> E Foto: Herbert Krüger

Filmstudio Tempelhof nach der Zerstörun:

längst bewiesen keine Konkurrenz sein kön- nen. Die Bewohner ‘des Ostsektors von Berlin und auch der Ostzene sind in hellen Scharen zu den wichtigsten Filmen des Westens nach Westberlin gekommen, zu „Ninotschka“, zu „Staatsgeheimnis“ und zum „Dritten Mann“. Sie nehmen die Gelegenheit, in den Randtheatern an der Sektorengrenze für billiges Geld west- liche Filme zu sehen, seit Monaten wahr und sie erscheinen in Massen, wenn die Waldbühne Sonderveranstaltungen gegen Ostmark durch- führt, Sie sind ebenfalls aufgerufen zu .dew jetzt beginnenden Festspielen. Wesentlicher Raum wird ihnen vorbehalten bleiben, wenn die Groß- veranstaltungen vor der Naturkulisse der Wald. bühne, über die so mancher in- und auslän.li- sche Gast in Begeisterung geraten wird, ab- rollen.

#

*

Inmitten der zahlreichen Filme der westlichen Welt gibt es auch einige der neuer deutschen Produktion zu sehen. Ein Teil von ihnen ist in Westdeutschland - bereits angelaufen, andere werden ihren Start in Berlin haben. Bedauerlich allerdings bleibt die Tatsache, daß die west- berliner Produktion mit keinem einzigen Film vertreten sein kann. Nachdem die Ateliers mo- natelang infolge der katastrophalen Finanzie- rungsverhältnisse leerstanden, hat vor einigen Tagen der erste in diesem Jahr in Berlin fertig- gestellte Film „Das Mädel aus der Koniektion” seine Uraufführung erfahren, die anderen Filme sind teils noch nicht abgedreht, teils im. Schnitt, und das Vorhaben, den neuen CCC-Film „Sün- dige Grenze“ noch rechtzeitig fertigzustellen, scheiterte ebenfalls an vielerlei Verzögerungen, Trösten wir uns auf ein andermal, denn im Au- gerblick hofft Berlin, daß die Zeit des Still- stands, der immer Rückgang bedeutet, vorbei ist, daß in Kürze in den Ateliers auf Hochtouren ge- arbeitet werden kann, daß manches und mancher zurückkehrt in die Stadt, die immer filmische Atmosphäre weit über Deutschlands Landes- grenzen hinaus ausgestrahlt hat, die viele ver- ließen vor Jahren, teils freiwillig, teils unter Zwang, die heute wieder dabei sind oder dabei sein möchten, die wiederkehren oder wieder- kehren werden, und die obwohl in der Ferne längst zu bedeutenden Vertretern ihres Hand- werks oder ihrer Kunst gelangt, doch diese Stadt nie vergessen haben.

Sie alle grüßt das vielumstrittene Berlin, die Insel des politischer: Geistes, über dem die Film- kunst zeitweise vernachlässigt wurde. Daß Ber- lin bei allen seinen Sorgen aber aufgeschlossen blieb, das werden hoffen wir diese Tage unseren Gästen beweisen.

Die CCC-Ateliers in Spandau-Haselhorst entstanden im Vorjahr aus einer Giftfabrik. Hier ein Blick auf das Verwaltungsgebäude.

Foto: Artur Grimm

Berlin und der deutsche Film

Von Dr. Dr. Werner Löffler, Senatsdirektor der Abteilung Wirtschaft

Die Geschichte des deutschen Films ist eng mit Berlin verknüpft. Hier stand seine Wiege. Vor mehr als 50 Jahren wurde im Berliner Winter- garten das erste in sich abgeschlossene Filmpro- gramm den erstaunten Augen der Besucher dar- geboten. Mit der Entwicklung des deutschen Films sind viele Berliner Künstler und Erfinder verbunden. Manche noch heute klingenden Star- namen von einst, und in der Zwischenzeit ver- gessene, waren Berliner Bürger oder haben in Berlin ihre dauernde oder mindestens vorüber- gehende Wohnstätte gehabt. Bei der Aufge- schlossenheit der Berliner Künstlerschaft und der Berliner Filmfreunde war, es begreiflich, daß Ber- lin in wenigen Jahrzehnten sich zu einer der be- deutendsten Filmmetropolen der Welt ent- wickelte. Sogar. die ersten großen Erfindungen auf dem Gebiet des Tonfilms sind in Berlin ge- macht, aber leider damals hier nicht ausgsnützt worden. Deshalb ist es nicht erstaunlich, daß vor dem letzten Weltkriege die Resonanz Berlins auf neu anlaufende Filme nicht nur in Europa, son- dern in der ganzen Welt Beachtung fand.

Berlin war eben zu einer der Filmstädte

- der Welt geworden,

Der Krieg brach diese steile Entwicklungskurve ab; der politische und wirtschaftliche Zusammen- bruc in Berlin führte auch zu einem solchen

der Berliner. Filmwirtschaft.

Die tragische Zerreißung Deutschlands in Zonengrenzen machte dem Berliner Film die Aufbaumöglichkeiten beson- ders schwer, denn die Hauptproduktionsstätten in Babels- berg und Johannisthal gingen ihm verloren. Aber in nicht zu hemmendem Optimismus schuf sich der Berliner Film neue Arbeitsmöglichkeiten und suchte mit den Uberresten von Hilfsateliers und in umgebauten Fabrikhallen einen Unterschlupf für die Aufbauarbeit, Wie auch die übrige Berliner Wirtschaft, so erhielt die Berliner Filmwirtschait durch Kontensperrungen und Blockade einen erneuten Rück- schlag. Unentwegte Berliner Filmpioniere verstanden es aber selbst trotz Stromsperren, in Berlin mit Hilfe von Strom- aggregaten ihre Filmarbeit fortzusetzen. Das war nur mög- lich dadurch, daß Autoren, Regisseure, Schauspieler, Film- techniker und Bühnenarbeiter in einer Gemeinschaft arbeite- ten, wie sie gerade für den Film typisch ist, ihre fanatische Liebe zu ihrer Lebensarbeit durch die Tat bekundeten und allen Schwierigkeiten zum Trotz dem Berliner Film treu blieben. 2

Wirtschaftliche Spannungen, Bürgschaften

Gewiß erschweren die wirtschaftlichen Span- nungen in Berlin, die insbesondere durch Fi- nanzknappheit und mangelndes Hinterland be- dingt sind, die Aufbauarbeit des Films. Aber demgegenüber hat sich Berlin auf seine Ver- pflichtung als Filmstadt zeitig genug besonnen und als erstes Land eine Millionen-Bürgschaft der Öffentlichen Hand zur Förderung der Film- wirtschaft übernommen.

Dies geschah in der klaren Erkenntnis, daß der Film zum überwiegenden Teil eine wirtschaftliche Angelenheit ist:

Das ergibt- sich schon daraus, daß an einem einzigen Film weit über 1000 Menschen mittel- bar und’ unmittelbar Lohn und Arbeit finden, und dies nicht nur in der Filmindustrie selbst. Die Filmproduktion ist eng mit ihrer Zubringer- industrie; die sich gerade in Berlin als Mittel-

‚Phönix-Film (Oft) - u

und Kleinindustrie kennzeichnet, verbunden. In Berücksichtigung dieser wirtschaftlichen Bedeu- tung der Filmwirtschaft haben die Berliner Banken gemeinsam mit dem Berliner Senat je-' derzeit trotz aller Finanzschwierigkeiten kom- merziell und qualitativ vertretbare Drehvor- haben gefördert. Es ist besonders erfreulich, die

DIRIINIANAIIINTEIIIUDDENDEIDUNTOLENAELANDILINDUIIKORTIDERTRADRRRUDRLINORLEDARERORLADTRNNIN

Das vollständige Programm

der Internationalen Filmfestspiele Berlin 1951 auf Seite 277 LT EEE ETTTTITETTTIEIT TTTTTTTTTTTTTTTTTTTT

Feststellung machen zu können, daß Berlin trotz des großen Risikos, das allen Filmprojekten nun einmal anhängt, bisher ohne nennenswerte finanzielle Einbußen diese Unterstützung der Berliner Filmwirtschaft durchführen konnte, Auch in der Zukunft ist der Senat bereit,

Als einer der jüngsten Berliner Filme wurde in Spandau unter Carl Boeses Regie der CCC-Nehru- Gemeinschaftsfilm „Das MädelausderKonfek- tion“ gedreht, der soeben in der Waldbühne uraufgeführt wurde. Unser Bild: Hannelore Schroth, das Titel-Mäd- chen, und ihr Partner Wolf Albach-Retty. Foto: CCC-Nehru/Deutshe Commerz/Grimm

diese Förderung des Berliner Films aufrechtzu- erhalten. Sache der Filmwirtschaft ist es, diese Bereitschaft durch quite Drehvorhaben zu reali- sieren.

Es entspricht dem unbeugsamen Optimismus und Aufbauwillen, die Berlin kennzeichnen, da- von überzeugt zu sein, daß die gemeinsamen Anstrengungen von Wirtschaft und Behörden dazu führen werden, der Berliner Filmwirtschaft wieder den ihr zustehenden hervorragenden Ruf zurückzugewinnen. Sie steht am Beginn einer neuen Entwicklungsepoche.

Daß gerade in diesem Zeitpunkt die Film- Festspiele 1951 in Berlin stattfinden, bedeutet einen besonderen Auftrieb für die vorgezeich- neten Bestrebungen, die dazu führen sollen, daß Deutschland und Berlin wieder auf dem Gebiete des Films Beachtenswertes und Wertvolles schaffen und leisten werden. In diesem Sinne begrüße ich mit besonderer Freude die Abhal- tung der Internationalen Film-Festspiele in Ber- lin und wünsche ihnen einen vollen Erfolg.

Berlins Spielfilm-Produktion seit 1945

Atelier 1946 1947 1948 1949 1950 1951 gesamt Studio Tempelhoi 1 3 2 6 11 2 25 Ondia-Wilmersdorf _ _ 2 _ _ —_ 2 Spandau-Haselhorst —_ —_ —_ —_ 3 2 5 Ostberlin (Babelsberg und Johannisthal) 3 4 7 13 10 8 45 ohne Atelier _ —_ 1 1 _ 2 4 7 12 19 25 12 79 davon Farbfilme _ we - 2 1 3 Auf die einzelnen Berliner Produktionsfirmen entfallen dabei: : Defa 44 Filme, darunter 1 Farbiilm ccc 7 Filme, darunter einer wesentlich außen gedreht, Cordial 6 Filme, eingerechnet die vom ehem. „Studio 45“ produzierten, Comedia 4 Filme, Berolina 3 Filme, davon 2 Farbfilme, Cinephon 2 Filme i 2 JFU 1 Film und Teilaufinahmen zu 2 weiteren Filmen ; je ' 1 Film ferner Objektiv, 20th Fox, Froelich, Stella, Nova, Ondia, Tova, Skala, Central-Europa und de Laforgue-Film je 1 Film in Gemeinschaftsproduktion von CCC/Nehru bzw. Froelich-Cinephon.

Der Anteil der in westberiiner Ateliers hergestellten Filme zur westlichen Produktion be- trägt seit 1945 insgesamt nur etwa 17 Prozent. Bezieht man die ostdeutsche Produktion in die Zahlen‘ein, so ergibt sich, daß in Ost- und Westberlin 31 Prozent, also knapp ein Drittel

der gesamten deutschen Filmproduktion seit 1945 entstanden,

Synchronproduktion seit 1945

bearb.'

Firma Filme am. Mosaik-Film, Berlin-Lankwitz 137 112 Mars-Film, Berlin-Ruhleben 74 13 MGM, Berlin-Tempelhof 47 47 Berliner Synchron 26 14 Linzer Synchron 20 3 Thurnau-Film 7 2 Defa-Film (Ost) 119 _

H.R. davon engl. frz. ital. sonst. Bemerkungen 17 —_ 8 —_ 1) 42 5 6 8 7 2 2 A 17 _ u / 2 1 2 —_ _ —_ 119 "iurchweg so- —_ ne _ 32 wjetische oder Filme osteuro-

päischer Länder

(1) Zu den größten Auftraggebern der Mosaik-Film-Ateliers in Lankwitz, der größten Synchron-Spezialanlage- in

Deutschland, zählen vor allem Republic, RKO, Paramount,

über hinaus auh Centfox und United Artists.

Universalund Warner Bros. Dar-

-

271

Vergangenheit Gegenwart Zukunft

Filmstadt Berlin

Deutsche Filmproduktion bis 1945

Wenn jemand einmal in ferner Zukunft die Geschichte. der . deutschen Filmproduktion schreibt, dann wird er feststellen müssen, daß sie sich in den ersten fünfzig Jahren ihres Be- stehens immer nur verhältnismäßig kurze Zeit- räume hindurch ruhig entwickeln konnte. Zwei Kriege, drei Revolutionen und zwei Inflationen mit anschließender Stabilisierung griffen immer wieder in ihr Schicksal ein. In die Mitte ihrer längsten „Normälperiode"” von 1923 bis 1933 fielen überdies die Umstellung auf den Toufilm und eine die ganze Welt erschütternde Wirt- schaftskrise.

Zahlenmäßige Entwicklung

Die Etappen der Entwicklung können wie folgt gekennzeichnet werden: Bis zum Jahre 1914 spielte die deutsche Produktion sowohl auf dem Inlandsmarkt wie auf dem Weltmarkt eine verhältnismäßig bescheidene Rolle. Frank- reich, Italien und das kleine Dänemark vraren überragende Konkurrenten, während Film- amerikas Stern damals noch nicht aufgegangen war.

Mit Beginn des Krieges und der allmählichen Einstellung des Filmimports ergab sich eine ausgesprochene Konjunktur für die inlän- dische Produktion. Das machte sich sowohl bin- sichtlich der Produktionsfirmen als auch der Filme bemerkbar. Gab es 1914 32 deutsche Filmfabrikanten, von denen 28 in Berlin arbei- teten, so waren es 1918 131 Firmen, darunter 109 Berlirer. .

Der Zusammenbruch des Kaiserreiches brachte erstaunlicherweise ein weiteres Anstei- gen der Produktion mit sich. Die fortdauernde Geldentwertung begünstigte die spekulativen Elemente, Verpflichtungen, die heute eingegan- gen wurden, konnten morgen mit Leichtigkeit eingelöst werden. Im Jahre 1922 gab es nicht weniger als 360 Produktionsfirmen, darunter 270 in Berlin. Sie stellten in diesem einen Jahr neben einer Unmenge von Kurzspielfil- men rund 400 Filme mit vier und mehr Akten her. Bekanntlich spielte damals in den Ankün- digungen die Zahl der Akte eine große Rolle, obwohl die tatsächliche Länge der Filme, die ja mit ihrem künstlerischen Gehalt nichts zu tun hat, durchaus nicht immer von der Zahl der Akte abhängig war. Diese 400 mehr oder we- niger „abendfüllenden“ Filme des Jahres 1922 wurden von 193 verschiedenen Spielfilmpro- duzenten hergestellt. Diese für heutige Begrifie enorme Jahresproduktion war gegenüber dem „Rekordjahr“ 1921 jedoch schon um 05 vH ge- fallen!

Erklärlicherweise wirkte hier die. Mark- stabilisierung reinigend. Von 1924 an bis zum Ende der Stummfilmepoche gab es im Jahres- durchschnitt rund 200 deutsche Filme. Nach der Umstellung ging die Produktion erheblich zurück. 1930 gab es noch 146 deutsche Ton- filme, in den Jahren 1935 bis 1939 im Jahrss-

272

Das war einst die UFA-Filmstadt Babelsberg

Hier ein Blick auf die Materialhallen und die kleineren Ateliers, ein Teil des großen Geländes.

durchschnitt 100, 1944 waren es schließlich nur noch 58.

Die Zahl der Produzenten sank ebenfalls, und zwar aus zweierlei Gründen. Erstens we- gen der verminderten Produktion und zweitens im Zuge der Produktionsverstaatlichung seit 1933. Die 242 Stummiilme des Jahres 1927 wurden von 96 Produzenten hergestellt, die 146 Toniilme des Jahres 1930 von 63 Produ-

_zenten; 1934 waren es nur noch 40 Filmherstel-

ler für 129 Filme;%1939 sind für die 111 Filme 26 Produzenten von zumeist höchst fragwür- diger Selbständigkeit zw zählen.

Während. des Krieges machte die „Soziali- sierung“ dann rapide Fortschritte. Es blieben nur noch die sieben „Staatsfirmen” Ufa, Tobis, Terra, Berlin, Bavaria, Wien und Prag übrig, die in Wirklichkeit eine einzige große Staats- filmgesellschaft darstellten.

Zur Geschichte der Filmateliers

Sobald es sich ergab, daß für die Herstel- lung künstlerisch hochwertiger Filme große und kostspielige Atelieranlagen nötig sind, hörten alle Versuche, außerhalb der beiden deutschen Filmmetropolen Berlin und München Filme herzustellen, zwangsläufig auf. Vom Be- gınn einer ernstzunehmenden deutschen Pro- duktion bis zum Jahre 1945 wurden mindestens 90 vH aller deutschen Spielfilme in Berlin hergestellt. Der Rest entfiel auf München. Die in Hamburg gegründete Verafilm oder die Düsseldorfer Tosca spielten zu keinem Zeı:- punkt eine nennenswerte Rozi!e.

a 2 a Zum ehemaligen UFA-Gelände in Berlin-Tempelhof gehörte einst auch dies Glashaus 4, das von freundlichen Gartenanlagen umrahmt war.

Foto: Reinhard-Arch!v

Foto: Reinhard-Archiv

Berlins größter Atelierbetrieb, die Ufastadt Ba- belsberg, wurde im Jahre 1911 gegründet. 1926 ent- stand hier die große Halle, die in drei Ateliers unterteilt werden kann, 1929 wurde dann das sogenannte Kreuzatelier mit vier mittelgroßen Hallen zwischen 450 und 600 qm ge- baut. Tempelhof, heute der wichtigste Atelierbesitz von Westberlin, reicht ebenfalls bis zum Jahre 1911 zurück.

Der Stummfilm

Die Glanzzeit der Stummfilmperiode fällt in die Jahre nach dem ersten Weltkriege, als sich der deutsche Film durch große künstlerische Leistungen den anfangs verschlossenen Welt- markt erobern konnte. Filme wie „Madame Dubarry“ und „Caligari“, „Der müde

Tod“ und „Die Nibelungen‘, „Das indische Grabmal“, „Variete“ und „Walzertraum“ liefen in London, Paris

und auch in New York mit sensationellen Er- folgen. Die Qualität des „Dubarry“-Films ver- anlaßte sogar amerikanische Produzenten, vor- übergehend in Berlin, und zwar in den Aus- stellungshallen am Zoo, eine Großproduktion mit Filmen wie „Das Weib des Pharao“, „Peter der Große“ und „Die Flamme“ aufzuziehen. Jedoch wurde diese Produktion nach verhältnismäßig Kurzer Dauer wieder ein- gestellt, sehr zum Leidwesen derjenigen, die bei der E.F.A. in den Jahren der Inflation viele gute Dollars verdienen konnten.

Umstellung auf den Tonfilm

Mit einigem Vergnügen liest man heute in alten Fachzeitungen den Streit der Meinungen über den Tonfilm. Bis in das Jahr 1930 hinein, als schon viele ausgezeichnete deutsche Ton- filme vorlagen, gab es Unentwegte, die dem Tonfilm ein baldiges Ende prophezeiten und das Loblied des Stummfilms in den höchsten Tönen sangen. Auch heute noch trifft man hier und da Ansichten, als- habe der Film durch das Hinzukommen des Mikrophons etwas von sei- nen künstlerischen Chancen eingebüßt. Der gerechte Chronist kann jedoch nur feststellen, daß der Stummfilm im Jahre 1929 am Ende seiner künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit an- gelangt war, caß das Publikumsinteresse am Film damals bedenklich zu sinken begann und daß allein durch die Nutzbarmachung der Ton- filmerfindung der Film bis zum heutigen Tag seine Beliebtheit als Volksunterhaltungsmittel kewahren konnte.

Der Anteil Berlins

Die Geschichte des deutschen Films ist die des Berliner Films, wenigstens bis zum Jahre 1945. Hier ergab sich aus dem Vorhandensein eines blühenden Theaterlebens, großer Ate- liers, leistungsfähiger Zubringerindustrien, vor- bildlicher kinotechnischer Betriebe und vor allem vieler Tausender in ständiger Arbeits- praxis geschulter Künstler, Techniker, Hand- werker und Kaufleute der ideale Boden für eine Filmproduktion, die zum Aufstieg der inter- nationalen Filmkunst einen wichtigen Beitrag liefern Konnte. G.H.

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Als der Neuaufbau begann

Berlin wurde besetzt und eine internatio- rale Stadt, in anderem Sinne freilich als etwa Wien. Die Sektorengrenzen wurden .genau fest- -gelegt zwischen den vier Besatzungsmächten. Der bis zum Ende hart umkämpften Stadt wa- ren tiefe Wunden geschlagen worden. Sie konnten nur sehr allmählich verheilen. Wer dachte in dieser Zeit, da kaum eine U-Bahn ‚fuhr, da Straßenbahnen sich immer nur teil- streckenweise ihren Weg bahnen mußten, an den Film?. Und dennoch war der Film da. Die

Russen zuerst in Berlin eingekehrt hat-

ten ihn gleich nachkommen lassen. Immerhin gab es noch einige unversehrte Filmtheater und die waren froh, sofern es Strom gab, spie- len zu können. Sie setzten russische Filmstrei- fen ein und weil diese naturgemäß nicht syn- chronisiert waren, begann man wie einst in alten Zeiten: mit einem Sprecher, der die Vor- gänge an der Leinwand mehr oder minder frei erklärte. Das war das erste Stück Neu- beginn bis zum Mai 1946, als die Sowjets mit der Lizenzierung der ersten deutschen - Film- produktion überraschten.

Defa nannte sich das neugeborene Kind, das sofort inmitten der Trümmer Berlins mit den Aufnahmen begann. „Die Mörder sind unter uns“ entstand damals und wurde kein schlechter Film, Man schöpfte wieder Hoffnung, aber es zeigte sich sehr bald, wohin der Weg des neuen Unternehmens wies. Er glitt ab in die von den Gönnern und Initiatoren ge- wünschte Politik. Noch einige Male wurde später der Anschein erweckt, als wolle man mehr geben als jenen krassen politisch- sozialistischen Kulturrealismus, der fast alle aus der Sowjetunion kommenden Filme aus- stattet. Mit „Ehe im Schatten“ und „Affaire Blum“ gelangen der Defa zwei Volltreffer, die weit über den deutschen Raum hinaus höchste Anerkennung erzielten. Auch bis in die heutige Zeit hinein hat die Defa qute unpolitische Filme gedreht (ihre Musikfilme „Figaros Hochzeit“ und „Dielustigen Weiber von Windsor” oder der Farbfilm „Das kalte Herz“ seien von den letzten hier genannt), aber schon nach ihrer Erstaufführung wurden diese Filme von den eigenen Stellen stark kritisiert, abgelehnt oder verworfen, weil sie der östlichen Ideologie nicht entsprachen. In einem Artikel, den der derzeitige Defa-Pro- duktionschef, Dr. Wilkening, zum fünfjäh- rigen Bestehen der Defa, das man gerade in diesen Tagen feierte, schrieb, heißt es, daß die bisherigen. Defa-Filme, die sich mit den Pro- blemen der Gegenwart beschäftigten, noch nicht so gestaltet seien, daß sie als ein wirk- liches Kunstwerk auch von der breiten Massa der werktätigen Bevölkerung anerkannt wür- den. Diese inspirierte Selbstkritik im eigenen Hause dürfte dazu führen, daß man noch poli- tischer werden wird.

Während der Defa bei ihrem Neubeginn die im Ostsektor liegenden Johannisthaler Ateliers (Jofa) sowie die ehemaligen Althoff-Ateliers in Babelsberg zur Verfügung standen (die Ateliers in -der früheren Ufa-Filmstadt wurden erst später von den Sowjets für die Produk- tion wieder freigegeben), konnte das westliche

„Miß Europa“ Ursula Lingen

trägt den Titel den ihr der Berolina-Farbfilm „Johannes und die 13 Schönheitsköniginnen*“ verleınt, mit mäjestätischer Würde und jugendlichem Charme,

Foto: Berolina/Herzog-Film/Artur Grimm

_*

Berlin nur auf das ehemalige Tempelhofer Studio zurückgreifen, das noch dazu erheblich zerstört worden war. Hier begann als erste die „Studio 45“ unter Ernst Hasselbach und Al- fred Schönnenbeck ihre Produktion. Die zu- nächst französisch lizenzierte Central-Cinema- Company folgte. Diese beiden Firmen sind bis heute diejenigen geblieben, die die meisten Filme in Westberlin drehten. Zu ihnen stieß später noch die inzwischen in Liquidation ge- gangene Comedia-OHG, während Berolina und Cinephon einen Teil ihrer Produktion außer- halb Berlins herstellen mußten.

Berlin, das anfangs mit Atelierschwierigkei- ten zu kämpfen hatte und deshalb sogar ein Behelfsatelier in Wilmersdorf, das Ondia-Atelier, erstellte, in dem die beiden Filme „Beate“ (Tova) und „Unser Mittwochabend” _ (Ondia) gedreht wurden,‘ sah sich bald einer verzwei- felten Situation gegenüber.

Zuvor hatte die Produktion mit den zeitbedingten Pro- blemen der Beschaffung der notwendigen Rohmateria- lie.n zu ringen, dann, Ende 1948, nach der Währungs- reform, verhängten die Sowjets die sattsam bekannte Blockade über Berlin, die unerhörte Einschränkungen zur Folge hatte. Strom konnte nur noch stundenweise ge- liefert werden und die in höchster Not und Eile beschafften Aggregate reichten nicht in allen Fällen aus. Zwangsweise folgte eine Abwanderung der eingesessenen und auch der neuen Berliner Produzenten in andere Filmstädte des Reiches. Mit ihnen ging ein Teil des technischen Stabes und der Künstler, die keine Arbeitsmöglichkeit mehr in Berlin sahen. Filmberlin drohte arbeitslos zu werden,

Nach Authebung der Blockade

hatte es den Anschein, als solle die westberli- ner Produktion wieder florieren. Wieder wurde die Frage des Atelierraumes vordringlich, die die CCC kurzentschlossen löste, indem sie auf Spandauer Gelände die Gebäude einer ehemali- gen Giftfabrik erwarb und diese zu durchaus brauchbaren Ateliers einrichtete. Anfang 1950 wurden sie eingeweiht. Im Laufe des Jahres konnten dort dann allerdings nur. drei‘ Filme verwirklicht werden. Inzwischen hatte auch Tempelhof den Wiederaufbau vorangetrieben, so daß dort vier Ateliers wieder gleichzeitig zur Verfügung standen.

Berlin wäre also 1950 in der Lage gewesen, ohne weiteres 20 Filme herzustellen, und es ist dazu auch heute in der Lage, doch nunmehr, da Material- und Stromlieferung kein Problem mehr ist, mangelt es, wie in der ge- samten deutschen Filmproduktion am Gelde. Städtische und Bundesausfallbürgschaft wiesen ihre Mängel auf, erzwangen immer wieder Verzögerung des Beginns, weil die Gelder oft trotz Zusage nicht termingerecht flossen. Jeder verlorene Tag; aber kostet Geld. Und so trug man denn im November 1950, als die letzten Mittel versiegt waren, sang- und klanglos die Berliner Filmpoduktion zu Grabe. Dort ruhte sie bis Mitte April 1951. Währenddessen blie- ben ihre leitenden Männer natürlich nicht ruhelos. Sie eilten von Verhandlung zu Ver- handlung und schmiedeten Pläne. Sie rangen

verzweifelt nach einem Ausweg. Sie starteten nicht unberechtigte Angriffe gegen die Ver- antwortlichen dieser Situation und sie brachten auch Vorschläge zustande nach vielerlei Dis- kKussionen.

„Es geht nicht ohne Gisela®

heißt ein neuer Film, mit dem die Central-Europa-Film -

unter Hans Deppes Regie Ende Mai in das Berlin-Spandauer Atelier ging. In wichtigen Rollen spielen Hans Leibelt und Eve-Ingeborg Scholz.

Foto: Central-Europa-Film/Prisma’Schaller

OLAF IVERSEN

Dr Vorgeseizte,oler hier brüllt 75# Bumms Iyrann,derihnjetztarillf!

Eine Scene ous demneuen Constantin -Film-Lustspiel + Schütze Bumm in Nöfen»

Vorschläge auf eine einmalige Initial- zündung

durch den Senat, Vorschläge, auf genossen- schaftlicher Basis die Filmproduktion zu inspi- rieren. Und hier nun streifen wir einen kri- tischen Punkt. Wir haben nie die These ver- treten, daß diese Vorschläge endgültig ver- wirklichungsreif sind, es ließe sich aber zwei- fellos aus ihnen einiges machen. Bedauerlich nur, daß die zuständigen städtischen Stellen ihre Stellungnahme immer wieder hinausge- zögert haben.

Mehr Offenheit, mehr gegenseitiges Ein-

vernehmen tut not.

Derzeit wird viel Arbeit darauf verwendet, daß man Drehbücher prüft, „vorprüft”, denn sie werden ja bei Vergebung der Bundesaus- fallbürgschaft noch einmal nach Strich und Fa- den 'gesiebt, daß man verhandelt, in Aussicht stellt, rückgängig macht, wieder verhandelt und endlich wenn die Elle länger ist als der Kram tatsächlich Geld zur Verfügung stelıt.

Inzwischen hat das Jahr 1951 in Berlin „schon“ zwei Filme gezeitigt. In Spandau ent- stand „Das Mädchen aus der Konfektion“, in Tempelhof drehte die. Berolina, der es gelang, sich mehr und mehr unabhängig zu machen, die Atelieraufnahmen zu ihrem zweiten Farb- film „Johannes und die 13 Schönheitskönigin- nen“, der wesentlich aus Außenäufnahmen an der Riviera entstand. Jetzt ist auch ein neuer Froelich-Bittins-Gemeinschaftsfilm „Stips" im Tempelhofer Atelier, während man in Spandau die Central-Europa-Film mit „ES geht nicht ohne Gisela” zu Gast hatte und ’jetzt mit der „Sündigen Grenze“ beginnen will, die eigent- lich zu. den Festspielen schon vorliegen sollte.

Das ist wenig, gemessen an dem, was Berlin leisten könnte, Allzusehr hat man sich darauf beschränkt, hier der leichten Muse zu huldigen, während die ernsthaiteren, die künstlerischen Filme bisher vorwiegend aus den Göttinger

Ateliers kamen. „Nachtwache*, „Es kommt ein Tag“ und „Dr. Praetorius“ sind Beispiele dafür.

Und dabei warten die Produzenter:, daß Ber- lin das entscheidende Wort .sprecherı möge. Wen zöge es nicht alles wieder nach Berlin?! Auch die Berliner Produzenten warten. Sie haben ein erstes Anrecht darauf, ihre vorliegen- den, vielfältigen Pläne zu verwirklichen. Man darf sie allerdings nicht zu sehr einschnüren, ein bißchen ihrer künstlerischen Freiheit muß ihnen schon zugestanden werden. Und auc jene Firmen, die zwar im Besitz von’ Lizenzen sind, aber bisher nicht drehen konnten, weil seien wir doch ruhig offen man sie ein bißchen stiefmütterlich behandelte, könnten ein- mal einen guten Film zuwege bringen.

Wir sind nicht so engstirnig -zu behaupten, das Wohl oder Wehe Berlins hänge vor seiner Filmproduktion ab. Wir wissen, daß die Stadt noch ernstere, noch vordringlichere Sorgen zu bewältigen hat. Aber wir sind so frei zu be- haupten, daß der künstlerische Aufschwung der deutschen Filmproduktion nicht zuletzt auch von der Atmosphäre, von dem Fluidum der Berliner Ateliers abhängt und von der Besessen- heit aller derer, die in diesen: Ateliers einst gearbeitet haben und wieder arbeiten wollen.

H.R.

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DeutscherFilmverleih bis 1945

Aus dem Jahre 1911 stammt eine Meldung, wonach sich der ehemalige Filmfabrikanten- Verband auf Anregung von Theaterbesitzern gegen das „Unwesen der Monopolfilme“ wandte, die der Filmverleiher "Ludwig Gottschalk in Düsseldorf erstmalig eingeführt hatte. Bis dahin war es nämlich üblich gewesen, daß die Thea- terbesitzer Kopien erwarben und mit ihnen das Vorführungsrecht. Hatten sie diese Kopien lange genug gespielt, und verlangte das Publi- kum endlich nach Abwechslung, so. verkauften sie die Filmrollen weiter oder tauschten sie an sogenannten Filmbörsen gegen neue Ware.

Luwig Gottschalk brach erstmalig mit diesem System. Er erwarb die alleinigen Auf- führurgsrechte eines ausgezeichneten und zug- kräftigen Asta-Nielsen-Films für ganz Deutsch- land und verlieh die Kopien an die Theater für eine genau festgelegte Zeit. Dann kamen die Kopien zu ihm zurück und gingen an an- dere Kinos. ;

Der Gedanke des Filmverleihs hat sich durch- gesetzt. Zwischen der Produktion und dem Theaterbesitz entstand ein Mittler, der aus der Geschichte des Filmwesens nicht mehr wegzu- denken ist. Womit nicht gesagt sein soll, daß ein Produzent nicht gleichzeitig auch Verleiher sein kann. Worauf es ankommt, ist die Organi- sation des Filmverleihs, ist das Vorhandensein einer Instanz, die das Vermieten und Dispo- nieren der Filme vornimmt, die das Abspielen und die Abrechnung kontrolliert, die das Re- klamematerial herstellt und vertreibt und die dafür sorgt, daß die Theaterbesitzer spielbare Filmkopien erhalten,

Zar Geschichte des Kontingents

Dem deutschen Filmverleih fiel seit jeher in Deutschland 'eine doppelte Aufgabe zu: Die Auswertung (und bald auch die Finanzierung) der einheimischen Produktion und der Import von Auslardsfilmen.

Neben deutschen Verleihfirmen, die Inlands- filme und ausländische Produkte vertrieben, hat es stets Filialen ausländischer Firmen ge- geben, die zeitweilig, zumeist aus Kontingent- gründen, deutsche Filme mitvermieteten. Es gab auch zu allen Zeiten deutsche Verleiher, die sich eng: mit Auslandsfirmen liierten und in mehr oder minder starker Abhängigkeit zu ihnen standen. Beispiele sind National-Warner, Bip- Südfilm und vorübergehend auch die Parufa- met. Ähnliche Kombinationen haben sich ja auch nach 1945 ergeben.

Die Lage des deutschen Verleihs nach dem ersten Welt-

krieg ist weitgehend von der Handhabung der Import- bestimmungen beeinilußt worden. Am 1. Januar 1921 gab es das erste Kontingent: Es wurden 180000 m ausländischer Filme für den Import freigegeben. Die Tatsache, daß man Meter. freigab und nicht Filme, ist kennzeichnend für die damalige Unsicherheit in iilmstatistischen Dingen. Man rech- nete noch nicht wie heute nach abendfüllenden Spielfilmen, ganz einfach aus dem Grunde, weil es diesen Begriff noch nicht gab. Es gab praktisch Spielfilme in jeder Länge zwischen 100 und 300 m. Oder anders ausgedrückt: Es gab Einakter, Dreiakter, Sechsakter, Zehnakter und sofort, je nach der tatsächlichen Filmlänge oder dem Reklamebedürf- "nis des Produzenten.

Die 180 000 m wurden auf die Produzenten und Verleiher verteilt, sie mußten zum Teil durch den Nachweis des Film- exports kompensiert werden. In der Praxis ergab sich bald die Unbrauchbarkeit dieses Verfahrens. Um möglichst viele Filme importieren zu können, schnitten die Verleiher die Auslandsfilme „maßgerecht“. Oder sie gaben bei der Kon- tingentstelle niedrigere Längen, als sich späterhin bei der Filmprüfung ergaben.

‘Man strebte bald nach einer Verfeinerung der Import- regelung und zwar wollte man Inlandsproduktion und Ein- fuhr in ein bestimmtes Verhältnis zueinander bringen. Die Theaterbesitzer und die „gemäßigten“ Verleiher verlangten ein 1:1-System, die Produzenten und die Verleiher vor- wiegend deutscher Filme ein solches von 2:1. Sie wollten also für zwei deutsche Filme nur einen Auslandsfilm importiert sehen. Die Regierung entschied sich für 1:1. Da man aber wir schreiben das Jahr 1926 die Produk- tion von zwei Jahren beim Anlaufen des neuen Systems als Grundlage bestimmte, schuf man für den Anfang prak- tisch ein 1:2-System. Diese Maßnahme hatte zur Folge, daß trotz des nominellen 1:1-Systems Jahre hindurch mehr Auslands- als Inlandsfilme auf dem Markt waren, wie folgende Zahlen für die Stummfilmperiode ab 1924 beweisen:

deutsche Filme Auslandsfilme 1924 220 340 1925 212 306 1926 185 302 1927 242 284 1928 224 293 1929 183 233

Ein entscheidender Nachteil dieses Kompensations- systems bestand darin, daß es die am Verleih ausländischer Filme interessierten Firmen zur Herstellung sogenannter Kontingentiilme veranlaßte. Sie gaben bei Winkelproduzen- ten Kleinfilme in Auftrag die Preise gingen bis auf 30 000 Mark herunter und gefährdeten so das Niveau der deut- schen Produktion.

1928 wurde dann dieses Verfahren abge- schafft. Von da an gab es alljährlich ein be- stimmtes Einfuhrkontingent, das bis 1933 nach

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Berlins Kassenschlager

Als Publikums-Bestseller in Berlin bewiesen sich seit der Währungsreform bzw. seit Beste- hen der aufgeführter: Verleiher folgende Filme, innerhalb der Verleiherfirmen in Reihenfolge:

Allianz:

Adler: Astoria:

Centiox: Central-Europäischer:

Constantin:

Deutsche Commerz: Deutsche London:

A. E. Dietz: Eagle-Lion:

Fortuna: Gloria: Herzog:

Juge»dfilm:

Lloyd:

Luxor: Metro-Goldwyn-Mayer:

"National:

Panorama:

Prisma: Paramount: RKO:

Schorct: Super: Transcontinent : Urban:

Union:

Univ.-International:

Warner Bros.:

den Bedürfnissen der Praxis gehandhabt wurde. Ab 1933 benutzte dann das Promi in steigen- dem Maße die Ausgabe von Einfuhrscheinen zu einer Vorzensur des Imports. Mißliebige Filme und Länder erhielten einfach keine Einfuhr- Scheine, wohingegen der Import aus „befreun- deten“ Ländern, so etwa aus Italien, bewußt forciert wurde, obwohl die damalige italie- nische Produktion zum größten Teil vom deut- schen Publikum abgelehnt wurde.

Zahlenmäßige Entwicklung

Die zahlenmäßige Entwicklung bei den Ver- leihern verlief ähnlich wie bei den Produzen- ten. Während des Weltkrieges und in den Jahren vor der Stabilisierung stieg die Kurve des Verleihs steil an, ab 1924 schied sich dann die Spreu-vom Weizen. Die Umstellung auf den Tonfilm ließ dann noch einmal die Zahl der Verleiher ansteigen, weil zahlreiche Produzenten zum Selbstverleih übergingen. 1930 hatten wir in Deutschland 36 „Deutsch- landverleiher”“, 1931 waren es 37. Daneben spielten die Bezirksverleiher eine recht geringe Rolle. Ihr Einfluß wuchs erst, als sie sich zu

sogenannten „Ringen“ Metropol-Stein-Rhein oder Märkische-Panorama-Schneider zusam- menschlossen.

Die Jahre 1931 und 1932 führten zu einer großen Krise im deutschen Filmverleih. Mit Ausnahme der Uia brachen fast alle großen deutschen Verleiher zusammen, so die Südfilm, das Lichtspielsyndikat, Hegewald, die Baye- rische im Emelka-Konzern, die Heros und fast alle kleinen Betriebe. Gläubigerversammlungen waren an der Tages- ordnung, und jeder Produzent war ängstlich darauf bedacht, seine Filme sofort aus einem notleidenden Verleih heraus- zunehmen. Die von den meisten Filmen entbiößten Ver- leiher standen _dann zumeist praktisch ohne greifbare Aktiven da, da auch die Kopieranstalten als „bevorrechtigte“ Gläubiger auftraten. Natürlich schnitten sich die Produzen- ten mit der Herausnahme ihrer Filme und der Übergabe an einen anderen Verleih zumeist ins eigene Fleisch, da die Auswertung eine empfindliche Unterbrechung und Be- einträchtigung erlitt. Die Verleiherzusammenbrüche gingen dann auch in den Fällen für alle Beteiligten am glimpflich- sten ab, in denen jedermann stillhielt und die Betriebe weitergeführt wurden. Eine Erinnerung, die von recht aktuellem Wert zu sein scheint.

Die Dritte von rechts (D) Gabriela (D) Mädchen mit Beziehungen (D) Reserve hat Ruh‘ (Repr.) Eva und der Frauenarzt (D) Es tanzt die Göttin (A) Seine Frau hilft Geld verdienen (A} Ich war eine männliche Kriegsbraut (A) Straße ohne Namen (A) - den Klauen des Borgia (A)

hne Gnade (Ital.) Vulcano (Ital.) Lichter der Großstadt (A) Gibraltar (Fr.) Der dritte Mann (E) Staafsgeheimnis (E) Der Dieb von Bagdad (E) Eine Heilige unter Sünderinnen (Fr.) Berliner Ballade (D) Tromba (D) Geliebter Lügner (D) Die roten Schuhe (E) Die schwarze Narzisse (E) Die blaue Lagune (E) Rendezvous im Salzkammergut (Oe.) Unter den Brücken (D) Schwarzwaldmädel (D) Frauenarzt Dr. Praetorius (D): Fregola (Oe.) Stift und seine Bande (Repr.) Große Freiheit Nr. 7 (Ub.) Wenn Männer schwindeln (D) Badende Venus (A) Maria Walewska (A) Neptuns Tochter (A) Das doppelte Lottchen (D) Manon (Fr.) Professor Nachtfalter (D) Artistenblut (D) Erzherzog Johanns große Liebe (Oe.) Fabiola (V/Fr.) Zur roten Laterne (Fr.) Schleichendes Gift (Oe.) Weg nach Rio (A) Wem die Stunde schlägt (A) Engel mit den 2 Pistolen (A) Schneewittchen (A) Bambi (A) Die heilige Johanna (A) Nachtwache (D) Bitterer Reis (Ital.) Es kommt ein Tag (D) Der blaue Engel (Repr.) Herrliche Zeiten (D) So beginnt ein Leben (Dän.) Die Nacht der Zwöli (Ub.) Der Reigen (Fr.) König für eine Nacht (D) Das vierte Gebot (Oe.) Ali Baba und die 40 Räuber (A) Die Freibeuterin (A) Helden im Sattel (A) Schweigende Lippen (A) Die Liebesabenteuer des Don Juan (A) Robin Hood {A)

H.R.

Nach 1933 verminderte sich die Zahl der Verleiher von Jahr zu Jahr. Von den 22 Deutschlandverleihern des Jahres 1934 führt eine gerade Linie bis zum Deutschen Filmvertrieb, dem Einheitsverleih der letzten Kriegsjahre.

Verständlicherweise war der Verleih bis 1945 weniger in Berlin konzentriert als die Produktion. Immerhin: Mit Ausnahme der Baye- rischen und der Südfilm vor ihrem Ausscheiden aus dem Emelkakonzern domizilierten sämtliche Reichsverleiher in Berlin. Daneben gab es aber eine Reihe sehr gesunder und leistungsfähiger Bezirksverleiher in Hamburg, Düsseldorf, Mün- chen oder Leipzig.

Glanz und Ende der Friedrichstraße

Sitz des Berliner Verleihs und auch der Ber- liner Produktion war Jahrzehnte hindurch die obere‘ Friedrichstraße zwischen dem Halleschen Tor und der Leipziger Straße. Die jüngere Filmgeneration kann sich kaum noch den rechten Begriff davon machen, wie sehr damals der Film einem ganzen Stadtviertel das Gepräge gab, denn selbstverständlich waren auch die Nebenstraßen der Friedrichstraße mit den Firmenschildern von Filmbetrieben, den Läden kinotechnischer Lieferanten und den Stammlokalen der Filmleute reichlich versehen. „Man“ bei Berg, im Krausenhof, bei Blau- rock oder im alten Filmclub, „man“ trank den Kaffee in den zahlreichen Stammkonditoreien des Films. Wer vom Bau war, ging damals am besten mit dem Hut in der Hand auf die Straße, denn er mußte bestimmt bei jedem zehnten Schritt einen Bekannten grüßen.

Die große Zeit der oberen Friedrichstadt, dieser vielgeliebten, vielgehaßten oder oft ver- spotteten Gegend, entschwand, ehe noch die Bomben des zweiten Weltkrieges das Viertel

einebneten. Die Herren im Promi hatten die.

Friedrichstraße nie gemocht. und zogen sich sehr bald aus ihr zurück. Der Verleih konzen- trierte sich am Dönhoffplatz, wo neben dem Ufahaus das Gebäude der neuen Terra ent- stand, und am Bahnhof Friedrichstraße, wo,die

Tobis neben neben dem Admiralspalast ihre.

Zelte aufgeschlagen hatte.

En

Festspielfilme |

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in Bildern

S ER 4 : _ 1. Akt aus „Hoffmanns Erzählungen“ mit Pamela Brown, Robert Helpman, Moira Shearer und Leonide Massine

Deutschland: „Das seltsame Leben des Herrn Bruggs“ mit Gustav Knuth und Karl Ludwig Diehl

Prozession der Symbole aus „Cristo proibito“ Italien: Tamara Lees und GinaLollobrigida in„Vita da Cani“

19.00:

10.30 14.30 17.30 20.30

10.30 14.30

17.30 20.30 10.30

.14.30 17.30 20.30

10.30 14.30 15:30

17.30 20.30

10.30 14.00 16.30

10.30

Fotos; Trianon/Deutsche London/Rotzinger,

Osterreich: Adolf Wohlbrück in „Wien tanzt“

Der 12-Tage-F ahrplan

Genaues Programm.der Berliner Filmfestspiele vom 6. bis 17. Juni 1951

6. 6. 1951 . Eröffnung der Festspiele im Titania-Palast, Steglitz. An- sprachen von Oberbürgermeister Prof. Reuter und